Motorradreisen

Tag 04, Di. 26. Juni 2007

Als wir gegen 8:00 aufwachen hat keiner so richtig Lust aus dem Schlafsack heraus zu müssen. Richie hat das ganz große Los gezogen, sein Sommerschlafsack hat ihm eine durchgefrorene Nacht beschert. Dank Anti-Brumm und Mückenspiralen sind wir zumindest von den kleinen Vampiren verschont geblieben. Noch im Schlafsack liegend werfe ich den Gaskocher zum Tee- und Kaffeekochen an, und ein Schuß Vogelbeerenfeuer aus dem Ebsdorfergrund bringt den Kreislauf in Wallungen. Der Himmel, der sich am Abend dicht zugezogen hatte reißt wieder auf und die Sonne lacht uns erneut zwischen lockeren Wolken entgegen. Eine Kneipprunde durch die Sandbank im Gebirgsbach lässt die Unterschenkel erstarren, das Wasser hat sicher nicht mehr als 5 Grad Celsius (gefühlte -15).

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Wir wollen heute mindestens bis zum Geirangerfjord kommen. Der Weg dorthin wird unvermeidbar auf einer Länge von rund 100 Kilometern auf der breit ausgebauten E15 zurückzulegen sein. Trotzdem geht es gutgelaunt los. Sebastian hat auf der Karte eine kleine Abkürzung entdeckt und nachdem wir der 51 weiter bis Randsverk gefolgt sind biegen wir links nach Fugelsætrin ab. An der Abzweigung stehen wir vor Schildern, deren Bedeutung wir nach einigen Minuten erfassen: Es handelt sich um eine Mautpflichtige Schotterpiste, die durch die Hügellandschaft zwischen dem 2064 m hohen Kvitingskjølen und dem Tesse-See führt. Das Mautsystem hat man sich offensichtlich nicht bei TollCollect abgeschaut. Man nimmt sich ein Kuvert aus einem Blechkasten, trägt Name, Kennzeichen und Datum ein, legt den fälligen Betrag (20 Kronen ~ 2,50 €) in das Kuvert, reißt einen Belegzettel mit der Durchschrift ab und wirft das Kuvert mit der Maut in einen verplombten Briefkasten. Wir schmunzeln und zahlen artig.

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Sebastian hat nur noch für 40 km Benzin, aber laut Karte sollten wir in rund 30 km bereits am Ende der Schotterpiste in Garmo angekommen sein. Als nach ca. 10 km von der gesuchten Abzweigung nach rechts noch nichts in Sicht ist beginnen wir uns zu fragen wo wir sind. Gerade als die Piste sich in Serpentinen die Hänge des Kvitingskjølen heraufzuwinden beginnt geht ein unscheinbarer Schotterweg rechts ab. Wir sehen auch ein Stück des Tesse-Sees und biegen rechts ab. Nach einigen Kilometern stehen wir erneut an einer Mautstation und machen Rast. Das letzte Kleingeld reicht nicht aus um uns freizukaufen, aber ein vorbeikommender Landwirt, der die Mautbox gerade leert, signalisiert uns, dass wir auch in € zahlen können. Wir zahlen also 5 € und 20 Kronen und setzen unseren Weg auf der traumhaften Piste fort. Kurz vor Garmo gibt es noch ein kleines Photoshooting und wenig später befahren wir bereits die breite E15. Sebastians Tankanzeige bewegt sich nicht mehr und mit den letzten Tropfen kommen wir an die Tankstelle in dem Skifahrer- und Touristenörtchen Lom.

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Der Trubel nervt uns und wir fahren hungrig weiter. An der E 15 will und will sich kein schönes Plätzchen für unsere Mittagspause finden. Als wir zwischen Skjåk und Bismo an einem kleinen See vorbeifahren halten wir ein paarhundert Meter später an einer Abzweigung in eine unbefestigte Seitenstraße, sprechen uns kurz ab und beschließen an dem kleinen See zu essen. Als ich gerade wieder losfahren will rutscht mein rechter Fuß in Richtung Straßengraben. Ich finde zwar noch halt, aber die Kuh und ihr Gepäck haben bereits einen teuflischen Pakt mit der Erdanziehungskraft geschlossen. Schnell rufe ich Richie und Basti noch zu sie sollen mir helfen, da liegt der Boxer schon auf der Seite. Hangabwärts mit den Rädern in der Luft. Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen und mache mir mehr Sorgen darum, dass der eben teuer bezahlte Sprit ausläuft, als dass der GS etwas zugestoßen ist. Wir heben die rund 320 Kg gemeinsam auf und ich bin “zufrieden”. Sie hat keinen Tropfen Benzin verloren und außer Kratzern am Sturzbügel und Koffer hat sie lediglich am Blinkerglas Verletzungen davongetragen.

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Während Richie uns etwas leckeres kocht friemele ich das Blinkerglas mit Ducktape wieder an seinen Platz und lasse zu Feier des Tages noch mal meinen Helm vom Lenker der Kuh fallen. Ich bin begeistert…

Es ist bereits gegen 15:00 Uhr als wir aufbrechen. Die E15 nervt, wir wollen Kurven. Nach 20 km beginnt ab Dønfoss die Straße interessanter zu werden. Es wird deutlich kurviger, die Ortschaften werden immer kleiner und die Gebirgsbäche reißender, die Straße ist nicht mehr so breit und wir fliegen im Formationstiefflug hinauf nach Grotli. Eingerahmt von riesigen Schneefeldern, vereisten Gebirgsseen und tiefhängenden Wolken ist es wieder richtig Winter um uns herum geworden. Wir biegen ab auf die noch schmalere 63 nach Geiranger und sehen bei Djupvashytta eine spektakuläre Serpentinenstraße den Berg hinaufführen.

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Die Schotterpiste ist der Weg zum Aussichtsgipfel Dalsnibba, dessen steile Nordwestflanke 1500 Meter zum Geirangerfjord hin abfällt. Wir kämpfen uns die Piste hinauf und bekommen angesichts der eher symbolisch zu verstehenden Wegbegrenzung aus dickeren Steinen etwas weiche Knie. Kurz vor dem Gipfel lässt uns die Ahnung von der nebligen Tiefe neben der in den Fels gehauenen Straße erschaudern. Oben angekommen gibt es leider nur ganz kurze Blicke durch die Wolken auf den Geirangerfjord, aber wir können sowohl die Serpentinen von Djupvashytta ins Tal als auch ein Kreuzfahrtschiff im Fjord ausmachen. Wir bleiben etwas länger und bereiten uns mental auf die Abfahrt vor.

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Nach einer kleinen Fotosession machen wir uns wieder mit Teer unter den Reifen auf den Weg zum Fjord. Es reiht sich Spitzkehre an Spitzkehre und wir sind im siebten Kurvenhimmel, bis wir in einem Pulk von Omnibussen stehen, der sich an einem Aussichtspunkt sammelt. Wir werfen einen kurzen Blick auf Geiranger und den Fjord, wollen aber schnell aus der Menschenmenge heraus. Im Fjord ankern zwei Kreuzfahrtschiffe - eines davon ist die “Aida” - und lassen Beiboote mit Touristen zu Wasser. Dementsprechend ist der “Flair” des Ortes, und wir sind froh zügig weiterzukommen. Erneut knechten wir die Motorräder unzählige Serpentinen, diesmal die Hänge des 1629 m hohen Eidshornet, hinauf und kommen wenig später am nördlichsten Punkt unserer Reise an: Eidsdalen am Übergang des Storfjorden zum Tafjorden.

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Nach kurzer Rast geht der Weg zurück über Geiranger und Djupvashytta bis nach Grotli. Von Grotli aus liegt die schönste Schotterpiste unseres Urlaubs vor uns. Wir fahren ca. 35km auf einer spektakulären Route über eisige Höhen. Einige Kilometer vor Videsæter kommen wir an einem Sommerskigebiet vorbei und halten etwas später an einem Wasserfall, der aus den Gletschern der umliegenden Berge gespeist wird. Es ist bereits gegen 20:00 Uhr und da Richies Sommerschlafsack inkompatibel zu den Temperaturen in den Bergen ist, verwerfen wir den ursprünglichen Plan zurück auf die Schotterpiste zu fahren und an einem einsamen Gebirgsbach zu Zelten. So landen wir um 21:00 Uhr eher zufällig auf dem ADAC-Campingplatz des Jahres 2007 am Strynsvatta-See. Sehr preiswert quartieren wir uns in einer Hütte mit fließend Wasser, Strom und Heizung ein und fallen über unser Abendessen her. Auf dem Boots- und Angelsteg des Campingplatzes lassen wir die überwältigenden Eindrücke des Tages ganz gemütlich bei Bier und Zigarette sacken. Hinter uns sehen wir im Abendrot Ausläufer des in 2000 Meter Höhe gelegenen Jostedaalsbreen, dem größten Gletscher Nordeuropas. Die letzten Sonnenstrahlen haben gerade aufgehört die Berggipfel zu beleuchten, als wir gegen 1:00 Uhr Nachts in die Betten kriechen.63.jpg73.jpg83.jpg17.jpg47.jpg37.jpg103.jpg57.jpgdsc01641.jpg<< Tag 03 — Tag 05 >>