Tag 05, Mi. 27. Juni 2007
Es ist angenehm warm als wir von unserem Luxuscampingplatz aufbrechen um eine der längsten Tagesetappen unserer Reise zu bewältigen. Auf der E15 fahren wir wieder östlich nach Hjelle um Benzin zu fassen. Die Tankstelle, die wir auf der Hinfahrt ausgemacht hatten ist in Wirklichkeit ein Lebensmittelladen, vor dessen Tür man mit Kreditkarte zahlen kann. So man denn eine Kreditkarte mit Geheimzahl sein eigen nennt. Nennen wir nicht. Wir überschlagen kurz und stellen entnervt fest, dass wir nicht mehr bis hinter Grotli kommen, wo wir die nächste “echte” Tanke vermuten. Also drehen wir und fahren wieder gen Westen bis Stryn, tanken, kaufen Basti ein neues Handheld-Ladegerät (und sind damit wieder TOM-TOM versorgt), drehen erneut und fahren wieder gen Osten, winken unserem Campingplatz zum dritten Mal für heute und beginnen die Tagesetappe mit 70 km Tankumweg. In Videsæter fahren wir wieder auf die 258 und genießen erneut diese grandiose Schotteretappe. In Grotli erfahren wir an der Rezeption eines gähnend leeren Luxus-Wintersporthotels, dass unsere geplante Route durch das Gebirge östlich des Jostedaalsbreen nicht fahrbar ist, da es sich bei den kleinen, grauen Linien auf der Karte um Wanderwege handelt. Nun greift Plan “B”, und wir nehmen erneut die E15 bis Lom unter die Räder. Dort nach rund 100 km breit ausgebauter und ermüdender Straße angekommen biegen wir südwestlich auf die 55 in Richtung Sognefjellsvegen ein. Wenige Kilometer hinter Lom befahren wir ein linker Hand gelegenes Flussbett. Wir finden ein sehr gemütliches Plätzchen zum Kochen. Der grobe Schotter und die seichten Wasserarme verlocken zum Blödsinn, also lasten wir die Motorräder etwas ab und spielen etwas im Wasser.
Wir schwitzen ordentlich, als wir frisch gestärkt unsere Jacken inklusive warmen Futter anziehen, aber die Karte zeigt auf der vor uns liegenden Strecke wieder Pässe um 1300 Meter an. Über Fla gelangen wir nach Jotunheimenfjellstue. Erneut sind wir mit einem völlig neuen Landschaftsbild konfrontiert. Weiche grüne Hügel um uns herum sehen aus wie das Auenland im LotR. Zwischen den beiden Zweitausendern Hestbrepiggan und Loftet windet sich dann erneut von tiefem Schnee umgeben der Sognefjellsvegen hinauf bis Sognefjell und wieder hinunter bis Turtagrø. Die Straße ist in allerbestem Zustand, es herrscht wenig Verkehr und wir kratzen unzählige Kurven und Spitzkehren. Kurz vor Turtagrø bleiben wir an einem Aussichtspunkt stehen und können schon das nächste Schmankerl dieses Tages ausmachen. die 1300 m hohe Passstraße von Turtagrø nach Ardal. Wir verlassen also die 55 und biegen auf diese Traumstraße ab. Hier wird offensichtlich die Maut zweckgebunden erhoben, denn die Straße ist in einem noch besseren Zustand als auf dem Sognefjellsvegen. Vor lauter Kurvenjagen bekommen wir das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Spaß pur, und eine echte Entschädigung für die Reiterei auf der E15 wenige Stunden zuvor. Hinter der Passhöhe mit Mauthäuschen halten wir um den Ausblick zu genießen, uns mit den Schafen zu unterhalten und damit Sebastian seinen Nachnamen in den Schnee pinkeln kann. Zunächst vermuten wir, dass wir noch eine Weile durch die Kälte düsen, aber es geht schon bald wieder ins Tal hinunter. In Ardal angekommen ist die Welt wieder sommerlich grün, und beim Tankstop sind uns 25 Grad deutlich zu warm.
Auf der 53 schlagen wir den Weg in Richtung Tyinkrysset ein. Nach ein paar Kilometern entpuppt sich der gerade Strich, den die Strecke auf der Karte abzeichnet, ebenfalls als Serpentinenstrecke. Leider sind die Spitzkehren jedoch in 30-40 m langen Tunnels gelegen. Der Wechsel von grellem Sonnenlicht und Schatten sind bereits eine Herausforderung, obendrein ist die Straße in den Tunnels klitschnaß. Wir haben bereits rund 350 km auf der Uhr, davon ein beachtlicher Teil Schotter und Passstraßen. Auf dem Hochplateau angekommen sind wir bereits überfüttert mit Eindrücken. Die Landschaft ist erneut überwältigend, dessen ungeachtet und alle guten Geschwindigkeitsvorsätze ignorierend knallen wir mit 140, 150 Klamotten an Bergseen vorbei. Nach tagelangem 80-100km/h-Surfen bekommen wir fast einen GeschwindigkeitskollerJ.Wir halten noch einmal kurz, um einige Fotos von den begrünten Dächern der Holzhäuser in einem Bergdorf zu machen, dann geht es (wieder in gesittetem Tempo) hinab nach Tyinkrysset und dort auf die E16 Richtung Lærdal.
Die E16 verläuft etwas verwinkelter als die anderen “E”-Strecken. In der Nähe von Borgund machen wir noch einmal Rast, entspannen Hintern und Arme und pfeiffen uns einen Müsliriegel ein.
Als wir gegen 21:00 in Lærdal ankommen wollen wir nicht unbedingt auf den großen Campingplatz. Die Alternative bietet sich uns nachdem wir ein paar Kilometern südlich am Fjordufer entlang fahren. Der urige Campingplatz hat für unsere Zelte jedoch nur noch abschüssige Plätze zu bieten. An Wildcampen ist hier am Fjord nicht zu denken, der schmale Streifen zwischen Fels und Ufer ist überall bebaut, eingezäunt oder zugewachsen. Wir versuchen unser Glück noch einmal erfolglos, indem wir ein paar Kilometer den Aurlandsvegen hinauffahren. Es ist spät, und wir kehren nun doch auf dem Campingplatz in Lærdal ein. Das Wetter wird zusehends schlechter und vielleicht ist es auch irgendwie gut, hier gelandet zu sein. Als die Zelte stehen und wir gekocht haben verkriechen wir uns recht zügig in die Schlafsäcke. Ein toller Tag liegt hinter uns, und viele Kilometer Motorradspaß, und wir haben heute wirklich tolle Landschaften gesehen, und, leider, liegt schon mehr als die Hälfte unseres Urlaubs hinter uns… Nein! Das Glas ist halbvoll… Wir haben noch großes vor in den nächsten Tagen… Schnarch…
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