Tag 06, Do. 28. Juni 2007
Der Himmel hat uns gefoppt, stellen wir fest, als wir recht gut erholt aus unseren Zelten krabbeln. Am Vorabend haben dicke Wolkenfronten den Weg in den Fjord hinein gesucht. Auf immer derselben Höhe rissen von diesen einzelne Schwaden ab und verteilten sich zu einem lockeren Hochnebel auf den Bergkuppen. Beim Schlafengehen waren wir uns fast sicher, dass es ein nasser Morgen werden würde. Umso erfreuter sind wir nun über das ein oder andere blaue Fleckchen zwischen der Bewölkung. Dennoch, es ist recht frisch. Den Weg zum Waschraum lege ich in meiner Powerstretch-Thermo-Langen-Unterhose und Endurostiefeln zurück. Das, und die Tatsache, dass Richie und Basti sich nicht an das Beweisfoto-Verbot halten erheitert die Stimmung am Frühstückstisch, so kommen wir heute morgen auch ohne Kräuterfeuer in Schwung. Wir packen uns in weiser Voraussicht ordentlich dick für den Tag ein und freuen uns auf ein weiteres Highlight unserer Reise, den Nærøyfjord. In Vorfreude auf ein paar ganz besondere Asphaltleckerbissen sitzen wir so am späten Vormittag auf den Böcken. Die heutige Etappe ist die kürzeste in unserer Planung, wir haben uns vorgenommen den erst kürzlich zum Weltkulturerbe ernannten Næroyfjord zu erkunden. Zunächst geht es von Lærdal nach Grånosi und von dort auf den Aurlandsvegen. Das ist nicht nur die um Welten bessere Alternative zum 27km langen Lærdalstunnelen, sondern auch wieder ein Passtrassenerlebnis der besonderen Art.
Es ist zwar neblig auf 1300m Höhe, aber vielleicht gerade deswegen wirken die uns umgebenden Schneefelder so faszinierend. Teilweise stellt die sehr gute Straße eine Schlucht von 6 bis 8 Metern in die Schneemassen dar. Immer wieder halten wir, um Fotos zu machen. Die feuchte Kälte kurz über dem Gefrierpunkt stellt unsere Kleidung auf die Probe, und ich lobe mir erneut und unablässig meine Heizgriffe. Nach reichlich Kurvenkilometern in diesen Höhen beginnt die Strecke sich in tollen Serpentinen wieder talwärts zu winden.
Gerade aus dem Nebel entfleucht stehen wir an einer Holzkonstruktion, die in das Tal hineinragt und einen beeindruckenden Blick über Aurlandsvangen und den Aurlandsfjorden gestattet. Wir treffen einige Reiseenduristen aus Süddeutschland und aus Italien, mit denen wir Erfahrungen und Streckentipps tauschen. So stellen wir auch fest, dass es tatsächlich keine andere Straße nach Gudvangen gibt, als den Gudvangatunnelen. Das bedeutet 17 einschläfernde, übelriechende und stinklangweilige Tunnelkilometer. Nein Danke… Von hier oben sehen wir eine Fähre in Aurlandsvangen an- und wieder ablegen und wittern unsere Chance. Die Spitzkehren hinab zum Fjord gejagd stehen wir nach kurzem Suchen am kleinen Fähranlegekai. Die Damen in den umliegenden Lebensmittelgeschäften geben eindeutige Antworten auf die Frage, ob die Fähren auch Fahrzeuge befördern.
“Ja” sagt eine. Prima!
“Nein”, die andere. Nicht ganz so prima.
Wir warten eine halbe Stunde bis eine sehr schnelle Katamaranfähre anlegt. Sie kann uns zwar nicht mitnehmen, man sagt uns aber, in wenigen Minuten käme eine andere Fähre, mit der wir vermutlich mehr Glück hätten. Tatsächlich beginnen wir eine Viertelstunde später die schweren Maschinen auf eine Personenfähre zu bugsieren, deren Rampe gute 25cm über dem Kai liegt. Eine alte Bohle, ein junger Matrose, internationale Verständigung mit Händen und Füßen und etwas Mut – 3 Minuten später legen wir ab. Nicht schlecht bestaunt von den Touristen aus aller Herren Länder, überwiegend Japaner. Scheint, als sähen wir aus wie gesunde Mischungen aus Reinhold Messner, Rüdiger Nehberg, Michael Martin und dem Schwarzen Ritter Iwanhoe. Nach kurzen Preisverhandlungen zahlen wir einen Studentenpreis und haben für umgerechnet 12,- Euro eine knapp zweistündige Fjordschiffahrt gebucht, und, was beinahe noch wichtiger ist, den blöden Tunnel im wahrsten Sinne des Worte umschifft. Auch wenn unsere Speicherkapazitäten für beeindruckende Landschaften kaum noch Ressourcen aufweist und der Himmel sich grau gibt, der Blick aus dem Fjord die steilen Hänge hinauf ist ein Höhepunkt der Reise. Unzählige Wasserfälle, kleine Fischerdörfer die nur übers Wasser zu erreichen sind, Segeljollen auf Spiegelglattem Wasser – alles beinahe unwirklich, so schön. Es ist sicher etwas Wahres daran: Wenn man einen Fjord kennt, kennt man alle. Sehr große Unterschiede gibt es nicht zwischen all diesen meerwassergefüllten Furchen im mittelnorwegischen Gebirge, aber die Faszination jedes einzelnen leidet darunter keineswegs. Zwei Prachtexemplare wie den Aurlandsfjorden und den Næroyfjorden mit dem Schiff zu erkunden ist absolut faszinierend, jeden Cent wert und eine bleibende Erinnerung.
Die Personenfähre war zu Zeiten, als der Tunnel nach Gudvangen noch nicht existierte, eine Fahrzeugfähre. Der Bereich, in dem früher offensichtlich Fahrzeuge standen, wurde umbaut, verglast und zu einem Bordrestaurant umfunktioniert. Die Rampe am Bug ist zugunsten von Aussichtsplätzen verengt worden. Unsere Motorräder stehen dazwischen, entgegen der Fahrtrichtung, und wir müssen in Gudvangen zuerst alle Passagiere von Bord lassen, um dann einzeln wenden und das Schiff verlassen zu können. Rund 150 Personen gehen andächtig, freundlich lächelnd und anerkennend nickend an uns vorbei von Bord. Japanische Seniorinnen rufen entzückt “SUZUKI!!!” als sie an Sebastians und Richies DLs vorbeigehen, ein Amerikaner erklärt seiner Freundin meine Kuh: “Itts äj Bie- Äm-Dabbeljuh…!” Klar soweit. Für all diese Weichspültouris sind wir mal die echt Eisenharten. Richtig so. Wir genießen es, und nachdem wir an Bord gewendet haben gönnen wir ihnen noch eine kleine Show, indem wir mit Vollgas und einem kleinen Satz von der Fähre jumpen und den Kai hinaufdüsen.
Wir verlassen Gudvangen auf der E16 in Richtung Voss. Bei Oppheim fahren wir auf die Nebenstrecke zur E16 über die Stahlheimskleiva, die steilste Straße Norwegens. Sie ist wirklich steil, und eng dazu. Wir fotografieren noch schnell einen schönen Wasserfall und nehmen dann die Spitzkehren unter die Flanken unserer Pneus. Spaß! Die Aussicht von oben gibt trotz Bewölkung einiges her. Wir fahren weiter Richtung Voss.
Nachdem wir um ein Haar mit einer Mutter und ihren beiden Kinder, die uns auf dem Fahrrad auf unserer Spur in einer unübersichtlichen Kurve entgegenkommen, kollidieren, machen wir in Voss Rast. Es ist bereits 15:00, und wir fahren nach einem Müsliriegel weiter. Von Südwesten ziehen immer dunklere Wolken herein, und so sind wir ganz einverstanden damit, dass unser Weg uns in nun Richtung Hardangervidda südöstlich führt. Zwischen Voss und Møn sehen wir am Straßenrand ein abgesperrtes Gelände, auf dem Erdwälle aufgeschüttet und Gruben ausgehoben wurden. Ein Geländewagen kraxelt gerade einen der Hügel hinauf. Wir entdecken Werbeplakate und halten kurz. Das ganze ist eine Promotionaktion, und man kann einen nagelneuen Geländewagen über eine Teststrecke fahren. Gesagt getan, schon sitze ich im Wagen, rechts ein Instruktor, auf den Rücksitzen Sebastian und Richie, los geht die Ralley… Macht einen Mordsspaß. Nun denn. Wir müssen weiter mahnt uns Sebastian, also Gas…
Nach Bruravik wollen wir über Ulvik gelangen, verpassen aber eine Abfahrt und landen schließlich doch noch in einem der Tunnel, die wir heute umfahren wollten. Nach 7,5km haben wir es hinter uns und stehen kurz darauf auf der Fähre von Bruravik über den Eidfjorden nach Brimnes. Es hat sich immer weiter zugezogen, und als wir wenig später in Sæbø angekommen sind beginnt es zu nieseln.
Nach einer Stippvisite bei einem Rentierfell- und Norwegermützenhändler schlagen wir daher unser Quartier erneut in einer Hütte auf einem vom ADAC empfohlenen Campingplatz auf. Ordentlich hungrig stellen wir nach kurzer Kalkulation fest, dass wir noch sehr reichlich mit Fertiggerichten eingedeckt sind. Ab heute: Rationen verdoppeln! Wir hauen uns die Bäuche ordentlich voll und stellen uns vor, das sündhaft teure Leichtbier von der Rezeption sei genießbar und schmecke nach Bier. Vor dem Schlafengehen bringen Sebastian und ich Richie das Pokern bei. Er bedankt sich, indem er zweimal als Sieger aus dem Heads-Up kommt. Noch ein kleiner Spaziergang zum Eidsee, kurz darauf schlummern wir friedlich einem neuen Tag entgegen.

