10. August, und vorher…
Tag vor der Abreise:
Die Motorräder sehen so aus, wie wir es uns gewünscht haben. Neue Bereifung, alles gewienert, frische Inspektion erledigt, je drei Koffer an jeder Maschine, dazu Gepäckrollen und Tankrucksäcke. Mit dabei all unsere Unterlagen, das ganze nochmal in Kopien, auf dem USB-Stick und im Internet hinterlegt. Also selbst, wenn wir bis auf die Unterhose beklaut würden, kämen wir auch noch in der tiefsten Ukraine notfalls übers Internet an alle wichtigen Dokumente…
Dazu natürlich Kreditkarten, Bargeld in Euro, 1-Dollarscheine zum „schmieren“, und das alles auf mehrere Stellen in der Bekleidung oder dem Gepäck verteilt. Eine Reiseapotheke, die für ein mittelgroßes Feldlazarett ausreichen würde, Antibiotika, Schmerzmittel, umfangreiches Erste-Hilfe-Material und vieles mehr findet den Weg in die Untiefen unseres Gepäcks. Ein großes Zelt, Gaskocher, Kochgeschirr, Tütennahrung für 20 Tage, Ersatzteile, Werkzeug, Regenbekleidung usw. usw. nimmt denselben Weg, und so packen und zurren und stopfen und klemmen wir alles auf die Maschinen, was nur geht. Am späten Abend rollen wir die Motorräder in Richies Werkstatt und sind ein wenig aufgeregt. Morgen ist DER Tag. Wir werden so weit mit dem Motorrad fahren, wie es keiner von uns bisher „an einem Stück“ gemacht hat. Und dabei durch mindestens 10 Länder reisen, von denen wir die meisten noch nie besucht haben, deren Lebensart uns nicht vertraut ist, deren Landessprache wir nicht einmal ansatzweise sprechen, und in denen wir nicht unbedingt darauf vertrauen können, dass man Deutsch oder Englisch versteht (hier ist natürlich in erster Linie Österreich gemeint…).
Die Aufregung ist nicht ganz definierbar, es ist sicher zum größten Teil Vorfreude, aber auch ein gesundes Stück Respekt. Nun aber husch, husch ins Körbchen, und noch eben eine Mütze Schlaf nehmen, bevor um 6:00 Uhr der Wecker klingelt…
1. Tag
Natürlich verspätet sich unsere Abfahrt, denn erstens bleiben Richie und ich uns selbst treu und kommen pünktlich zu spät zum vereinbarten Treffpunkt bei Richies Laden, und zweitens ist eben doch noch nicht alles fertig zur Abfahrt. Die ergaunerten Polizei(gewerkschafts)aufkleber wollen noch auf unseren Verkleidungsscheiben platz nehmen, ich tausche noch schnell mein Visier, und Richie hat noch das ein oder andere zu packen. Ein allerletztes Mal checken wir unsere Mehrseitige ToDo- und Packliste – alles ist dabei, alles ist erledigt. Uwe, Jule und Jessica stehen nach ein paar Erinnerungsfotos Spalier als wir dann gegen 9:00 Uhr vom in Linden vom Hof rollen, vor uns rund 500km Autobahn gen Osten. Wir wollen am ersten Tag bis direkt an die Tschechische Grenze kommen, und dort campieren. Der erste Stopp findet kurz hinter der ehemaligen innerdeutsche Grenze statt, und keiner scheut sich zuzugeben, dass wir schon wieder stinkmüde sind. „Schon wieder“ heißt, wir fühlen uns wie auf unserem 500km Autobahntrip durch Dänemark vor rund einem Jahr. Na gut, nicht ganz so schlimm, aber SO weit muss es ja auch nicht kommen. Die Sonne strahlt zwischen lockeren Wölkchen aus einem blauen Himmel auf uns herab, und wir genießen unsere ersten Müsliriegel. Sebastian bevorzugt Nuss, ich steh total auf Pfirsich, und Richie isst was übrig bleibt. So einfach regeln sich manche entscheidenden Fragen an einem offenen Topcase voller Reiseproviant – die hier wortlos vereinbarte Müsliordnung ist ungeschriebenes Reisegesetz geworden.
Als der Trucker neben uns Richie anspricht und die zwei sich kennen, beratschlagen Sebastian und ich, wie weit wir wohl kommen müssen, bis Richie nicht an jeder Ecke einen Bekannten trifft. Der nächste sollte sich aber entgegen unserer Prognosen erst drei Wochen und 6500 km weiter, am Großglockner, finden - soviel sei hier vorweggenommen.
Rund 100 Kilometer weiter schlucken die Kuh und die beiden Frauströme das Erste Mal nach. An der Tankstelle am Autohof rollt plötzlich eine BMW F650 Dakar im Fernreiselook mit Alugepäckboxen und einem verrückten Engländer auf uns zu. An beiden Koffern sind hinten jeweils zwei Trangia-Benzin-Flaschen befestigt, das gibt Aufschluss über anständige Ausrüstung (vmtl. ein Multifuel-Kocher, wie der Fachmann sofort erahnt). Und oben auf den Koffern sind je zwei 2,0l Flaschen CocaCola verzurrt. Das gibt auch Aufschluss. Darüber, wie der Kollege aus England sich auf der Autobahn wach hält. Und eventuell auch darüber, was wir von seinen Statements zu halten haben. Sehr überschwänglich, und doch relativ distanziert, berichtet er davon, dass er gerade nach 2 Jahren Tour auf dem Nach-Hause-Weg sei, und dass man ihn aus Rumänien förmlich herausgeekelt habe. Die Schwarzmeer-Küstenstaaten, will er uns weismachen, seien gerade gar nicht gut auf westliche Touristen zu sprechen, wegen des Kaukasuskrieges. Hmmm, das ergibt nicht wirklich einen Sinn, was sollten die deshalb gegen westliche Touristen haben? Wir wissen es nicht, aber es trägt auch nicht unbedingt zu ungetrübter Vorfreude auf die Ukraine, Rumänien und Bulgarien bei. Irgendwas erzählt der Gute auch noch von Amerikanischen Truppenbewegungen, die er beobachtet hat, und ständigem Flugzeugverkehr der Militärs. Aha. Fahren wir gerade etwa mit Vollgas in die Scheiße? Vielleicht sollten wir doch noch schnell links abbiegen und um die Ostsee ziehen. Neee. Wir fahren halt mal weiter. Während Richie und Sebastian sich etwas nachdenklich über den rasanten Verschleiß ihrer TKC80 Stollenreifen zeigen, schreibe ich Alexandru aus Rumänien eine schnelle eMail und simse Jessica zuhause wegen der Lage im Kaukasuskonflikt an. So haben wir auf der Weiterfahrt alle etwas zum Nachdenken. Sollte uns auch wach halten, ohne koffeeinbedingte Wahnvorstellungen zu produzieren. Sollte. Tut es aber nicht. Als wir uns kurz vor Chemnitz einspurig in eine Baustelle einfädeln, lässt sich ein Crash nur vermeiden, weil der gerade aufgewachte Richie beherzt beide Reifen zum Blockieren bringt und Sebastian eben noch mit einem satten Zug am Gashahn vor dem heranrutschenden Gefährt seines Hintermanns flüchtet. Wir verlassen die Autobahn um die letzten knapp 200 km des ersten Tages über Land zu fahren, der Auftakt unserer Tour soll ja nicht völlig vergurkt sein. An der ersten Ampel ruft Sebastian mir zu, ich solle schnell ein Plätzchen zum Rasten finden, sonst würde Richie vollends im Tiefschlaf versinken. Was haben wir zuhause noch getönt: „Nein, nein, diesmal keine übermüdeten Gewaltakte. Wir schlafen nicht wieder auf den Maschinen…“ Nun gut. Einsiedel heißt das Kaff, an dessen Ortseingang eine sattgrüne Wiese uns zu Brotzeit und Mittagsschläfchen einlädt. Eine gute Stunde später schwingen wir uns erholt und mit der Aussicht auf Kurven wieder in die Sättel und reiten durch das mittlerweile sehr windige – angeblich soll ein Sturmtief aufziehen –Erzgebirge von Einsiedel über Annaberg-Buchholz, Marienberg und Olbernau nach Bienenmühle. Einige schöne Passagen liegen hinter uns, und wir machen ein Päuschen. Ein älterer Herr erzählt uns aus seinem Leben, und spickt seine Story mit einigen wenig durchdachten Statements über die Weltpolitik. Wir wollen weiter, nicht nur, um dem Gerede zu entfliehen, sondern auch um anzukommen. Über Frauenstein geht es weiter bis Schmiedeberg, und von dort durch ein Tal mit wunderschönen, fast mediterran anmutenden Häusern und Grundstücken bis nach Dippoldiswalde. Kurz vor Bannewitz geht es rechts in Richtung Elbe und wir kommen durch Heidenau und Pirna nach Königstein, wo wir einen kleinen Abstecher zur Festung Königstein machen. Recht zügig fahren wir weiter bis nach Bad Schandau. Dort überqueren wir die Elbe, verlieren einander kurz in der Innenstadt und landen dann schließlich auf einem netten Campingplatz an der Kirnitzschtalstraße – die berühmte, wo da so eng ist und trotzdem eine Tram fährt, is klar, ne…
Es ist bereits 19:00, und wir bekommen kurz bevor die Rezeption schließt noch einen Zeltplatz. Zum ersten Mal kommt unser von einem Bekannten geliehenes rotes Riesenzelt zum Einsatz, und nach einem Jahr gibt es mal wieder Tütenfutter vom Gaskocher. Es schmeckt und bis wir gegessen und geduscht haben ist es stockfinster. Ein Bierchen in Ehren, und dann geht es in die Schlafsäcke. Die durchgeschwitzte Funktionsunterwäsche hängt wie unsere Handtücher auf der zwischen den Motorrädern gespannten Leine, aber der Tau setzt sich bereits auf Sitzbank und Verkleidungsscheibe ab. Mhhh. Wenn das mal trocken wird. Wird es nicht, denn zu allem Überfluss fängt es auch noch an zu regnen. Na gut. Schlafsack zu, alles andere klären wir morgen früh. Oder auch nicht. Es fängt ordentlich an zu gewittern. Ich schäle mich noch mal aus dem Zelt, verstaue ein paar Klamotten, und setze mich rauchend vor das Waschhaus auf dem Campingplatz. Das Gewitter will nicht recht aufhören, ich bin genervt. Ich mag die Kombination aus Gewitter und Zelten ebenso wenig wie die aus Gewitter und Motorradfahren. Gegen 1:00 Uhr krieche ich wieder in den Schlafsack, und auch Sebastian schläft noch nicht richtig gut. Es ist erst viel zu heiß in unseren Top-Schlafsäcken, dann aber wieder viel zu kalt, wenn man sich nur mit ihnen zudeckt. Wie die Anfänger. Ich will nach Skandinavien. Da ist es draußen kalt und im Schlafsack warm, so wie es sich gehört. Alles nervt hier gerade. Es ist deutlich später als 2 Uhr als ich einschlafe. Na, wenn das hoffentlich mal trocken wird morgen…

