Tag 02, So. 24. Juni 2007
Gegen 1.30 ist der Himmel immer noch nicht richtig dunkel geworden. Die „Pride of Telemark“ hat bereits angelegt und wir warten darauf gemeinsam mit einigen anderen Motorrädern, Wohnmobilen und unzähligen LKW an Bord gehen (fahren) zu können. Die Fähre der Kystlink ist die offensichtlich preiswerteste Möglichkeit nach Norwegen zu gelangen, dafür ist jedoch kein Luxus zu erwarten. Als „Pride of Provence “ hat sie seit Anfang der achtziger reichlich Seemeilen, vorwiegend im Ärmelkanal, abgespult. Das sieht man ihr an. Dass die Stabilisatoren nicht sehr effektiv seien haben wir gehört. Als wir endlich zwischen den Trucks stehen geben wir uns deswegen ordentlich Mühe, die Motorräder gut zu sichern. In einer Reihe Omnibusähnlicher Sitze auf Deck 8 nehmen wir Platz. Es schaukelt schon ganz ordentlich, obwohl wir den Hafen gerade erst verlassen haben. Richie ist bereits im Reich der Träume. Sebastian und ich nehmen noch wahr, wie es immer schaukeliger wird. Ein Besuch des Oberdecks vermittelt einen Eindruck von der Gesamtsituation „Fähre bei Seegang“
und beruhigt Magen und Nerven. Außerdem sind wir mittlerweile wirklich am Ende unserer Kräfte. Einige Schlücke aus den noch in Deutschland gekauften Beck´s-Dosen wirken Wunder, der Geschmack und das Schaukeln passen zueinander. Bald schlummern wir unter Deck tief und fest unserem Ziel entgegen.
Pünktlich um 8.00 laufen wir in Langesund ein und verlassen halbwegs ausgeschlafen und hungrig das Schiff.
Die ersten Eindrücke sind erwartungsgemäß. Alles da wo es hingehört. Fichten und Felsen am Straßenrand, gelbe Mittelmarkierungen, bunte Holzhäuser. Das sieht nach Skandinavien aus. Was uns jedoch wirklich ein Grinsen auf´s Gesicht zaubert, ist das Wetter. Strahlend blauer Himmel, ein paar lockere Wölkchen und geschmeidige Temperaturen um die 17, 18 Grad.
Wir haben die Küste verlassen, und bereits nach wenigen Kilometern finden wir an der 353 zwischen Langesund und Voll ein flauschiges Plätzchen für den ersten Einsatz unserer Ausrüstung. An einem klaren See liegen wir auf leicht erhöhten Steinen, der Gaskocher flammt unter dem Topf mit Kaffeewasser, die Sonne scheint, ein Boot schippert über den See, unser Blick streift über einsame Hütten am anderen Ufer, wir atmen tief durch und sind:
Einfach Glücklich. In Norwegen.
Satt und in bester Urlaubslaune gleiten wir mit entspannten 80-100 km/h auf der 353 über Voll nach Skien und von dort aus auf der 36 linker Hand des Norsjøsees nach Ulefoss. Weiter auf der 359 fahren wir über Lunde nach Bø. Eher zufällig finden wir nach einem sehr kurvigen Abstecher in das Bergdorf Grønbygil –
von wo aus wir einen großartigen Ausblick auf die Umgebung genießen - eine Schotterpiste, die uns irgendwo zwischen Lona und Roheimsheia durch die Wälder nach Heddal führt. Die, wie wir später bemerken, für Norwegen typische Schotterpiste besteht aus kleinkörnigem Split, der sich im Laufe der Jahre festgefahren hat und im trockenen Zustand kein Problem für die Straßenbereifung unserer Reiseenduros darstellt. Kurz nach dem Gedanken daran, wie das ganze nass aussehen würde sehe ich Sebastian vor mir mit seiner DL gefährlich schlingernd durch eine große, schlammige Pfütze mehr rutschen als fahren. Auf meiner und Richies Seite ist die Fahrspur nicht ganz so ausgewaschen. Ein beherzter Gasstoß bringt Sebastians DL zurück in eine stabile Fahrlage, ich rolle mit gezogener Kupplung durch meine Seite der Pfütze, und als wir nach einigen Metern sicher zum stehen kommen müssen wir uns erst mal den Schreck von der Seele lachen.
In Heddal sehen wir die größte Stabkirche Norwegens. Vom Äußeren schon sehr beeindruckt verzichten wir ob der deftigen Eintrittspreise auf eine Besichtigung und fahren weiter auf der breiten E134 nach Notodden. Die lockeren Quellwolken des Morgens haben sich mittlerweile getürmt, und immer wieder fahren wir auch über feuchte Straßenabschnitte. Regen sehen wir jedoch keinen. Für Richie schon jetzt ganz klar: „Wo Engel reisen scheint die Sonne“.
Von Notodden aus gelangen wir auf einer kleineren Landstraße hinter Hea an das Ufer des Follsjåsees. Unglaublich begeistert von der Landschaft lassen wir uns auf einer kleinen Landzunge direkt am Wasser nieder. In unseren Faltstühlen sitzend genießen wir eine warme Mahlzeit und beschließen, dass die intensiven Eindrücke dieses halben Tages bereits alle Mühen der Vorbereitung und der Anfahrt aufwiegen. Wir bekommen genau das, was wir uns vorgestellt und gewünscht haben. Entspanntes Motorradfahren auf schönen Straßen durch Bilderbuchlandschaften. Was kann es besseres geben? Es fällt uns schwer, den tollen Platz zu verlassen, aber wir trösten uns damit, dass wir schon geplant hatten auf der Rückfahrt noch einmal hier vorbeizukommen .
In Bolkesjø nehmen wir die 37 nach Ormemyr und von dort aus die 364 in Richtung Austbygd. Rechts liegt das einsame Numedal-Tal, links der langgezogene Sjåvatnetsee. Wir kommen immer wieder an kleineren und größeren Seen vorbei, an denen eine oder zwei idyllische Hütten stehen. Nachdem wir eine ganze Weile auf der kurvenreichen 364 unterwegs sind ohne einen Ort oder einen Wegweiser gesehen zu haben fragen wir uns, ob wir überhaupt auf dem richtigen Weg sind. Kurz hinter dem 750 Meter hohen Pass kommen wir an ein paar Häusern vorbei, dem Ort Grenhovd. Wir sind richtig, und nun haben wir auch einen Eindruck von Entfernungen in Norwegen.
Auf dem Campingplatz in Austbygd angekommen stellen wir fest, dass wir ebenso preiswert in einer kleinen Hütte übernachten können, wie unsere Zelte aufzustellen. Der Gedanke an eine Nacht im Bett statt auf der Isomatte macht die Entscheidung leicht – ein Denkprinzip, dass uns noch öfter begegnen soll.
Nachdem die Motorräder abgeladen und die Hütte bezogen ist kochen wir erneut und genießen den lauen Abend. Die ersten Mücken nehmen uns in Empfang, und wir bestaunen die Wirkung von „Anti-Brumm-Forte“. Die kleinen Plagegeister lassen sich auf der Haut nieder, bleiben einen Moment sitzen und ziehen unverrichteter Dinge von dannen. Das entspannt.

Unsere Unterkunft liegt keine 20 Meter vom Ufer des Sees entfernt, und wir entschließen uns nach der nötigen Dusche dazu, mit trockenem Treibholz noch ein kleines Feuer zu machen. Die Sonne ist seit ein paar Stunden verschwunden, aber nur knapp hinter den Bergen. Es ist nicht wirklich dunkel geworden und beginnt scheinbar schon wieder heller zu werden, als Sebastian und ich um 1.00 in der Nacht das Ruderboot des Campingplatzbesitzers kapern und auf den See hinauspaddeln. Wir müssen uns aufraffen, trotz der Helligkeit zu Bett zu gehen, doch Sekunden nach dem Hinlegen schnarchen wir bereits ein zufriedenes Liedchen zusammen.














